Winter
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  • Almboden auf der Hochalm in den Morgenstunden., © Christian Bäck, Tourismus Lenggries
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Wie der Girgl sich fast zu Tode stürzte

Der Hirt auf der Höllei-Alm, der Girgl, stapft über die Almwiesen, um das ihm anvertraute Weidevieh zu zählen. Er, der schon die Siebzig überschritten hat und seit zehn Jahren den Hirten macht, ist an diesem heißen Spätjunitag schon arg ins Schwitzen gekommen. Vierzig Jungtiere hat er bereits gesehen, zwei sucht er noch. „Immer de Bleß und de Gscheckerte, de zwoa braacha a extrige Woaa“ nörgelt er ungehalten. Er schirmt die Augen gegen die Sonne ab und sucht die Südschrofen des Brunstlahner ab.

Auf halber Höhe, auf einem schmalen Band, stehen die Gesuchten. „De Luada, de wissen scho guad, wo s´de bestn Kraitln finden, aba dass i a oida Mo bin, des kümmert´s ned, de Lackln“ brummelt er.

In Sorge, dass sich die Tiere in den Schrofenhang zu Tode stürzen könnten, läuft er durch den breiten Almgrund und kraxelt zwischen Felsbrocken hoch. Nahe gekommen, ruft er: „Höjahohou! Geht´s weida, kimmts aussa do!“

Die beiden einjährigen Kuhkälber schauen zu ihm, tun ihm aber nicht den Gefallen, zu kommen.

„Matzna, varreckte“ schimpft der Girgl.

Das Grasband, auf dem sie zwischen dem felsigen Steilhang stehen, ist gut einen Meter breit. Beruhigend redet der Hirt auf das ihm zunächst stehende Tier ein und versucht, es vorwärts zu schieben.
Es mach ein paar Schritte, kann dann aber nicht weiter, da das vor ihm stehende Kalb keine Anstalten macht, sich nach vorne zu bewegen. Wie er sich an dem ersten Tier vorbeizwängen will, dreht es sich mit seinem Hinterteil zum abfallenden Hang. Dadurch kommt der alte Senner ins Straucheln und stürzt über die steil abfallenden Schrofen zwanzig Meter tief ab.

Einige Male prallte er dabei auf vorspringende Felsen auf, bis sein Körper endlich in einem Latschen-Busch hängen bleibt und einen weiteren Sturz über fünfzig Meter verhindert wird.

Der alte Mann stöhnt leise auf, sein Körper bewegt sich leicht und liegt dann still. Blut rinnt über das faltige, wettergebräunte Gesicht. Er hat das Bewusstsein verloren und auch das Empfinden für Schmerzen.

Fliegen summen über sein blutendes Gesicht, setzen sich darauf und saugen sich satt. Stunden später, die Sonne steht schon tief im Westen, wird er kurz wach und stöhnt auf. Dann fällt er wieder in tiefes Dunkel.

Nach einer milden Nacht zieht die Sonne am wolkenlosen Himmel hoch und wärmt den ausgekühlten Körper des alten Mannes der noch immer in tiefer Bewusstlosigkeit liegt. Kolk-Raben habenihn entdeckt, umfliegen ihn, landen in der Nähe und hopsen auf ihn zu. Als sich der Hirt leicht bewegt und stöhnt, flattern sie davon.

In Stundenabständen wird Girgl immer wieder einmal wach und blinzelt in die grelle Sonne. Einmal stähnt er auf und ruft nach seiner im fernen Gaißach wohnenden Frau.

„Gäh Zenzi, huf ma“ jammert er leise, dann verliert er wieder die Besiinung.

Wieder kommt die Nacht und wieder wird es Tag. Noch immer liegt der Senner bewegungslos im Latschenstrauch. Manchmal, wenn es etwas heller in ihm wird, fallen die Schmerzen über ihn her. Eine neue Ohnmacht befreit ihn davon.

Drei Tage liegt der Girgl schon bewusstlos bei dem Latschenstrauch auf dem Felsvorsprung, da kommt der Grenzbeamte Bichlmaier mit seinem Diensthund zur Höllei-Alm. Er will den Girgl wieder einmal Grüß Gott sagen. Die Türe der Hütte steht sperrangelweit offen, aber der Senn ist nirgends zu sehen.

Der Beamte setzt sich vor die Hütte in die warme Sonne und macht Brotzeit. Da sieht er über dem Almgrund hinweg, am Südhang des Brunstlahner, Kolk-Raben kreisen und krächzen. Er hebt das Fernglas an die Augen und sucht die Stelle ab, denn er vermutet Fallwild. In den Latschen leuchtet etwas Buntes.

„Wos mog itza des sei?“ sinniert der Grenzer, packt seine Brotzeit wieder ein und geht mit dem Hund in Richtung des Schrofenhanges. Dort schickt er den Hund zum Latschenstrauch, der mitten in dem steil ansteigenden Schrofenhang steht. Aufgeregt fängt der Hund an zu bellen und hin und herzurennen.

Bichlmaier folgt ihm und sieht plötzlich den verkrümmt liegenden, bewusstlosen Senner, dessen Gesicht blutverkrustet ist. Mit geschlossenen Augen liegt er da und rührt sich nicht. Aber Bichlmaier erkennt, dass er noch atmet und klettert zu ihm hin, fasst das Handgelenk und lauscht auf den Pulsschlag.

„Girgl!“ ruft ihn der Grenzer an. „Hörst mi ned, Girgl? Kumm, wach auf, ´s wird scho wida, kumm!“

Er tätschelt leicht die Wange des Verunglückten. Da öffnet der Girgl die Augen und krächzt kaum verständlich: „Wos is?“

„Mei, Girgl, wos soll sei, abighaut hot´s die, kraxelst do bei de Schrofen umanand, oider Lackl – wia kriagt ma die itza do aufi?“

Gleich darauf stöhnt der Girgl tief auf und verliert wieder das Bewusstsein. Der Grenzer holt die lange Hundeleine aus dem Rucksack und bindet Girgls Bein an einen starken Latschenast. Um einen weiteren Sturz vorzubeugen. Dann klettert er behände die Schrofen hinab und rennt stürmischen Schrittes den Steig zur Bundesstraße hinunter.

Dort stoppt er ein Auto, lässt sich zum Grenzübergang Achenwald fahren, ruft die Polizei und lässt den Rettungshubschrauber zum Parkplatz in der Walchen beordern. Schon nach fünfundzwanzig Minuten fliegt dieser dort an, wo ein Polizeifahrzeug mit rotierendem Blaulicht schon wartet, und landet.

Bichlmaier steigt zu dem schon im Hubschrauber anwesenden Arzt und instruiert den Piloten, wo der Girgl liegt. Fünf Minuten später landet der Hubschrauber vor der Plattenwand. Pilot, Arzt und Bichlmaier klettern zum Latschenstrauch. Der Arzt untersucht den Verunglückten kurz und murmelt: „Schaut böse aus.“
Er gibt dem Girgl, der einige Male schmerzvoll aufstühnt aber nicht bei Bewusstsein ist, eine Spritze. Dann tragen ihn die Männer aus dem Schrofenhang heraus und den steilen Grashang hinunter.

Der Hubschrauber fliegt ihn in das Versorgungskrankenhaus nach Bad Tölz. Dort wird festgestellt, dass sich der Senn bei seinem Sturz eine schwere Gehirnerschütterung sowie Platz- und Risswunden am Ganzen Körper zugezogen hat. Außerdem hatte er sich drei Rippen und das Becken gebrochen.

Nach drei Monaten hatte man den Girgl wieder soweit hergesellt, dass er aus dem Krankenhaus entlassen werden konnte. Nun hinkt er auf einem Bein und mit dem freien Hirtenleben auf der Alm ist es vorbei.

„Schod“ meinte Girgl „s Hirta sei war gar a scheens Lebn.“ 

Quelle: Auszug aus dem Buch, "G´schichtn aus dem Isarwinkel" - Von der Alm, Jagd und vom Schwammerlglück von Georg Umrath.