Winter
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  • Stengelloser blauer Enzian., © Tourismus Lenggries
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Wenn der Enzian blüht

Von einer Rast im Naturschutzgebiet

„So, Wally, do rast ma etza a bisserl“, sagte der alte Ascholdinger Franzl aus München zu seiner neben ihm im Auto sitzenden Frau.

„Wanns d´moanst, Franzl, mia is recht.“

Der Franzl findet neben der engen Forststraße, zwischen Vorderriß und Wallgau, eine geschotterte Stelle, wo er seinen alten Wagen neben der Fahrbahn abstellen kann.

Er steigt aus und hilft seiner untersetzten Frau aus dem kleinen Schnauferl. Auch die Einkaufstasche mit der Brotzeit holt er von der hinteren Sitzbank.

„So, nach dean ma uns niada.“

„Gemma no a Stickl eina, Franzi.“

Sie stapfen weiter zwischen den Latschen, roten, stark duftenden Steinröschen und dunkelblauen Enzianblüten.

„Schaug no grad, Franzl, is des ned a Pracht? De Bleamln, de vuin, un dazua de warme Sonn, de scheene, do schaug, do dean ma uns niada.“

Die Ascholdingerin deutet auf die Rasenbank am leichten abfallenden Isarufer, die so recht zum Sitzen einlädt. Beide machen es sich bequem.

„A G´ruch is des, dass d´ damisch wern kannst,“ sinniert die alte Frau.

„Aba fei steh lassa, gell, mia glangt´s no vom vorign Johr, wo ma fuffzg Markln ham blecha müassn füa zwoarazwanzg Enzian …“

„Jo mei, Franzl, de san hoit gor so schee, reg di do ned auf, i dao eahna scho nixn.“

Nachdem sie Platz genommen haben, packen sie die Vesperbrote aus, desgleichen eine Thermosflasche mit Tee.

Frau Ascholdinger hat kaum ein paar Bissen gegessen, als sie unruhig wird und wieder aufsteht: „ I hob koan Appetit ned, Franzl, iß es alloa, i geh a bisserl Bleaman oschaungn.“

„Oschaugn scho, aba fei koane brocka, gell.“

Der Ascholdinger Franzl isst weiter und trinkt dann und wann einen Schluck Pfefferminztee. Er behält seine Wally misstrauisch im Auge, bis sie hinter Latschenbuschen verschwindet.

Er kaut und sieht dabei auf die Berge. Er denkt an die Zeit zurück, als er mit seiner Wally noch Bergtouren machen konnte, und wie glücklich sie dabei waren. Als er hinter sich Tritte hört, fragt er, ohne sich umzudrehen: „Bist wieda do, Wally?

Er schreckt erst hoch, als seine Männerstimme sagt: „Grüaß God. der Herr! Sie san ned alloa?“

Der Franzl dreht sich um und sieht einen Polizeibeamten vor sich. „Naa“ sagt er, „i bin ned alloa, d´Frau hot grad amoi in d´Büsch müassn. Se vastenga scho, gell?“

Und laut, da Schlimmes ahnend, schreit er: Wally! De Polizei ist do!“

Bevor dieser Warnruf seine Wally erreichen kann, ist diese, die schon leicht schwerhörig ist, aus den Latschen gekommen, in der Hand ein Sträußerl Enzian. Als sie den Uniformierten sieht, zuckt sie im argen Schreck zusammen und will das Sträußerl streng geschützter Blumen hinterm Rücken verstecken.

„Kommen S´no her da. Eahna Bleamen hob i scho gseng! Zeign S´amoi, wos do alles zammgrupft ham.”

Zögernd und mit hochrotem Kopf kommt die ate Frau der Anforderung nach. Der Beamte zählt zwölf Stück Enzian. Er meint. „Da bin i scheinbar grad no rechtzeitig kemma, bevor´s fuffzge wordn warn.“

„Na, nia ned, Herr Wachmoasta! Wos denga S´denn vo mia? ´s san grod a paar für as Reserl, weil´s de Bleaman a so vio gern hot un nimm laafa ko.”

“Dass Sie glei a Ausred parat ham, des is koa Überraschung für mi.”

Der Wachmeister kannte schon seine Pappenheimerin.

„Des, wos i g´sagt hob, is durchaus koa Ausred ned, Herr Wachmoasta! As Reserl is mei Schwiegertochta, und de is vor drei Johr bei am Weißln vo da Loada abi gfoin unk o nimmer laafa, g´lähmt is, des Reserl.“

Als der Polizist noch immer ungläubig schaut, denn schon öfter haben ihm Blumenräuber von Gräbern und Schwerkranken erzählt, um derentwillen Verstöße gegen das Naturschutzgesetz begangen wurden, meint Frau Ascholdinger: „Geh, Franzl, zoag am Wachmoasta a Buidl vo inserm Schrebergarten, dass er´s a glaabt, des mim Reserl“.

Ascholdinger, dem das Sitzen vergangen ist und der Ärger im Gesicht steht, holt aus der Brieftasche ein Farbfoto, auf dem eine Frau mittleren Alters, die in einem Rollstuhl sitzt, zu sehen ist.

„Do, des is as Reserl“, sagt er.

Der Beamte, sonst recht hart uns konsequent beim Vorgehen gegen Leute, die ganze Stöcke geschützter Blumen ausgraben, oder größere Mengen davon pflücke, sieht diesen Fall anders, als sonst. Er sieht in das Gesicht der alten Frau, in dem die Angst sitzt, und der denkt an die junge Frau im Rollstuhl. Er Steckt das Notizbuch, das er schon in der Hand hält, wieder in die Tasche und belässt es bei einer nicht allzu hart vorgetragenen mündlichen Verwarnung. „Schaun S´, Frau, de Bleaman do, de können S´a beim Gärtner kaufen. De Schwiegatochta spannt des ned. Pfüa Good beinand.“

Von der Ascholdingerin ist die Angst gewichen. Freundlich sieht sie dem Beamten nach und sagt: „Des is aba amoi a ganz netta Wachmoasta, ganz a netta.“

Ihr Mann, der Franzl, aber schimpft zornig: „Hob i da´s ned glei gsogt, ha? Loss de Bleamen steh, hab i gsogt, aba do kanntst scho besser an Hoizstock hiredn, nach war´s asselbe – un des woaßt scho, dass mai nimma furtfohrn, wann de Enzia blüahn! As latztmoi wor itza des, sog i.“

„Jo jo, is scho guat, reg di do ned so auf, i versprich´s da, dass I koane Bleamen mehra brock …”

Aber der Franzl, ist diesmal nicht so leicht mehr zu beruhigen. „I siag des nimma ei, das mia auf unsre oiden Dog oiwei zwengs de Bleamen ananand kemma – na, des siag i nimma ei …“

Die Ascholdingers verlassen ihren Rastplatz, sauber, wie es sich gehört, und treten leicht bedrückt ihre Heimreise nach München an.

Quelle: Auszug aus dem Buch, "G´schichtn aus dem Isarwinkel" - Von der Alm, Jagd und vom Schwammerlglück von Georg Umrath.