Winter
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  • Lois Oswald füttert einen Hirsch auf der Reiseralm., © Adrian Greiter, Tourismus Lenggries
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Ein wildgewordener Zwölfender

Was der Revierjäger Satzinger erlebt hat

Der harte Winter hatte seinen Zenit überschritten. Der im Isartal bei Vorderriß liegende, gut einen Meter hohe, Schnee sackt unter der mildwarmen Februarsonne und darauffolgenden wiederholten Nass-Schneefällen etwas zusammen. Revierjäger Satzinger fährt mit seinem Auto auf dem engen Forststräßlein vorsichtig im kleinen Gang zur Futterstelle am Fuße des Isarberges. Die Fahrbahn zeigt eine tiefe vereiste Fahrspur und beutelt seinen alten Wagen hin und her.
„G´raamt hot a heia wiada, da Gruaba, das da Sau graust“
Grantelt er vor sich hin.
Noch während ihm die letzten Worte vom Munde tröpfeln, sieht der Satzinger in einer engen Rechtskurve ein für die widrigen Straßenverhältnisse in recht schneller Fahrt entgegenkommendes Auto. Da der schwere Wagen in derselben vereisten Spur fährt wie er, versucht Satzinger nach rechts auszuscheren, um aus der Spur herauszukommen. Doch es gelingt ihm nicht. Der entgegenkommende Autofahrer aber schafft es, seinen Mercedes zur Hälfte aus der tiefen vereisten Spur herauszufahren. Beide Fahrzeugführer bremsen und kommen nebeneinander zum Stehen, grad, dass eine Handbreite zwischen die Wagen passt.
Beide Fahrer steigen auf der Beifahrerseite aus. Der Satzinger wippt ungehalten in den Kniekehlen und schimpft: „Fahrn wia d´Feiawehrn im Brandeinsatz, aaf am enga vereistn Sträßerl… hätt i mei Wagerl ned zum Stehn brocht, nacha hätt´s fei sauba gschebert“ Der Mercedesfahrer wehrt sich: „Ich bin jedenfalls aus der vereisten Spur noch herausgekommen, Wenn Ihnen dies auch geglückt wäre, dann hätten wir mühelos aneinander vorbeifahren können.“
Satzinger hat anhand des Kennzeichens und der Sprache des Mercedesfahrers den Norddeutschen erkannt, was ihm arg aufstößt.
„Geh weida, dischkriern ma ned lang umanand“ meint der Satzinger recht wütend, „Pack mit o, heb ma mei Wagerl auf d´Seitn.“
Der Satzinger nimmt es mit seinem Umgangston nicht so genau. Der Mercedesfahrer folgt der Anweisung. Erst vorne und dann an der hinteren Stoßstangt.
Daraufhin steigt der Satzinger ohne ein Wort des Dankes für seinen Helfer wieder in sein Auto und fährt weite. Der Fremde tut dasselbe.
Der Ärger steht dem Satzinger noch im Gesicht. Er knurrt: „Da Dog geht heit scho wieder guat o…“
Endlich ist er bei der Futterstelle angekommen. Er fährt in den Abstellplatz, den er für sein Fahrzeug frei hält und immer wieder ausschaufeln muss. „Kannt mit sei´m Pflug scho a oamoi einifahrn, da Gruaba. Aba na, i bin ja koa Wirt ned, der eahm a Brotzeit un a Hoibe spendiert.“
Der Satzinger stampft zum Heustadl, der zwanzig Meter vom Futterplatz entfernt ist. Nach dem Stadl steht unter einer Wetterfischte der „Maxl“, das ist ein stattlicher, zehnjähriger Zwölfender-Hirsch.
„Maxl, bist a scho wieda parat? Zweng deina kannt i an Heistadl glei offa lossn, ha?“ begrüßt ihn der Jäger. Der Hirsch scharrt ungeduldig mit den Vorderläufen.
„Werst nacha scho wartn kenna, oda? Kriagst die Sach scho. Bist no nia ned z´kurz kemma, mei Liaba“ murmelt der alte Jäger.
Er hat durchaus nichts dagegen, dass der starke Hirsch neben dem Heustadl, separat von der eigentlichen Fütterung frisst. An der Futterstelle selbst gebärdet er sich herrisch und raffgierig und verdrängt jüngere Hirsche, Stuks und Kälber.
Es bedarf größere Anstrengung, die Tür des Stadels zu öffnen. Als Satzinger fluchend daran rüttelt, hört er hinter sich heftiges Schnauben. Er dreht sich verwundert um. Maxl ist mit gesenktem Geweih auf ihn zugekommen.
„He, konnst net wartn, du Lackl?“
Der Maxl hebt leicht das Haupt, zwickt wie abschätzend ein Auge zu und verzieht die Lefzen, dass auf einer Seite die Zähne zu sehen sind.
„He, du Sakra! Wia hätt ma´s dann do, ha? Datst d´mia heit so gschert daher kemma? Halt di fei a wenig zruck und druck di!“ schreit der Jäger zornig. Aber der Maxl stampft ein paar Mal mit den Vorderläufen und senkt zum Angriff das Haupt mit den mächtigen Stangen.
„Jo, schaugts na grod den damischen Hirschn o!“ Keucht der Satzinger.
Die Angst verleiht ihm Riesenkräfte. Mit einem gewaltigen Ruck reisst er die Tür des Stadls auf. Kaum, dass er dahinter in Deckung ist, kracht der Maxl mit seinem starken Geweih dagegen, dass die Türe mit Wucht gegen den Jäger prallt. Ein Keuchen und Stampfen vor der Brettertüre und ein weiteres dagegen donnern folgen.
Die Türe schlögt nun vollends zu. Der Jäger greift zornig zu der neben der Tür lehnenden Heugabel und knurrt: „Wart Bürscherl, dir kimm i glei!“
Nachdem es draußen ruhig geworden ist, drückt er die Tür wieder einen Spaltbreit auf. Er steckt den struppigen Kopf, von dem der Hut gefallen ist, vorsichtig aus dem Türspalt. Maxl ist nirgends mehr zu sehen.
Satzinger schiebt die Türe ganz auf, die Heugabel abwehrbereit vor sich haltend. Er schleicht um den Stadl herum, aber der Hirsch ist fort. Über die Forststraße hinweg sieht er ihn in leichtem Trab den engen Talboden durchqueren.
Der Jäger hebt die Heugabel und schreit dem Hirsch drohend nach: „Wart, du Hundling, du hinterfotziger und ganz misarabeliger! Wannst di no oamoi bei meina Fütterung seng lossast, nacha brenn i dia oane nauf!“
Und zu sich selbst: „Do fuadat ma den lackl vo kloa auf mid de bestn Sacha un nacha dat der oan hinterrucks obmurksn. Wart, dia hilf i auf d´Sprüng!“
Er bedauter, ohne Gewehr zum Füttern gegangen zu sein und ihm wollte nicht in den Kopf, warum sich der Hirsch so aufführt. Noch vor einer Woche hat er ihm die Kastanien aus der Hand gefressen… Aber nun hatte der Maxl ihm das Kraut ausgeschüttet.
„Vo mia kriagst du Hintafotz koane Kastanien mehr, aba ganz gwiß a poor blaue Bohna!“ schrie er über das Flussbett hinüber zum Maxl, der beben hinter Latschenbüschen verschwand.
„Da Dog is heit scho guat oganga, i hobs scho geißt“ grantlt er weiter. „Z´erscht fohrt mi da damische Preiß boid zsamma und itza des Sauviach, des vareckte.“
Satzinger konnte zu einem späteren Zeitpunkt seine Drohung nicht mehr wahrmachen. Der Hirsch trat nicht mehr in Erscheinung. Im Frühjahr wurde er auf Tiroler Gebiet verendet, von Füchsen und Raben bis auf die Knochen abgenagt, gefunden.
Nach Meinung aus Jägerkreisen hatte der Zwölfender einen Tumor im Gehirn, was seine Unberechenbarkeit und seinen Angriff auf Satzinger plausibel gemacht hätte.

Quelle: Auszug aus dem Buch, "G´schichtn aus dem Isarwinkel" - Von der Alm, Jagd und vom Schwammerlglück von Georg Umrath.