Winter
Volltextsuche
Volltextsuche
  • Waldstück in Fall mit einem moosigen Boden., © Adrian Greiter, Tourismus Lenggries
nach unten

Der Duft von Wald und feuchtem Moos

Eine Schwammerlgeschichte aus dem Isarwinkel

Die Röcklmoosers in Lenggries haben überraschend von der Schwester der Röcklmooserin und deren Gatten, einem Oberstudienrat Jörgensen aus München, Besuch bekommen. Noch bevor der studierte Schwager den Röcklmoosers ein Grüßgott bietet, fragt er gleich, ob man wohl wieder mit so einem leckeren Schwammerlgericht, wie beim letzten Besuch, rechnen könne.

Der Röcklmooser Max hat seinen Schwager nie allzu sehr gemocht. Das gestochene Gerede der Studierten war ich nach seinem Geschmack, aber seien Frau, die war auf den gelehrten Schwager nicht wenig stolz. Der Max dachte, dass er als einfacher Maurer im Leben ebenso seine Pflicht getan habe. Seit zwei Jahren war er nun in Rente und verbrachte viel Zeit im Wald beim Schwammerlsuchen, aber wie er feststellen musste, sprossen selbst an den fündigsten Plätzen um Lenggries und im Isarwinkel in den letzten Jahren so gut wie keine Schwammerl mehr, jedenfalls nicht mehr in der Fülle wie früher. Und mit den edlen Stoaschwammerln sah es schon ganz traurig aus. Was da noch wuchs, das holten sich oft die Ausflügler. In diesem Jahre machte zudem eine langanhaltende Trockenheit nicht nur den Wäldern schwer zu schaffen.

So meinte er resigniert zu seinem Besuch: „Do wirst koa Glück ned ham, Schwoga. Mit de Schwammerln schaugt´s heuer scho ganz schlecht aus. Oiwei a Mordshitzn. Seit guat drei Wocha scho is koa Tröpferl Regn mehr gfoin. Wia soi do a Schwammerl wachsn? Vor zwoa Tag hob i gschaugt, grod a Hand voll Reherl hab i gfundn, so windige und halbert dürr.“

Die Röcklmooserin hatte zu Hause das Sagen. „Geh, Maxl, nimm a Körbl und hock di in´s Wagerl, werscht scho a poor brocka. Wanns do da Arthur a so gern mog.“

Röcklmooser war froh, der Gesellschaft des angeberischen Oberstudienrates auf diese Weise für´s erste zu entrinnen und stimmt zu: „Guat, nacha schaug i amoi … - ob i wos find, des is a andere Sach, ´s hot koane heier,“ baut er vor.

„A geh, Maxl,“ ermuntert ihn seine Frau, „des is do no nia ned gwen, dass du koane Schwammerl ned hoambrocht hättst…“

Der Röcklmooser hat, wie von ihm schon vorausgesehen, Pech. Er sieht nicht einmal giftige Schwammerl, geschweige denn Reher oder gar Steinpilze, auf die der Schwager besonders scharf ist.

Nachdem er seine fündigsten Plätze pilztod angetroffen hat, verzichtet er auf weiteres mühevolles Suchen. Aber zum Heimgehen ist es ihm noch zu früh. Um ein glaubhaftes, längeres Suchen vorzutäuschen, fährt er nach Tölz und genehmigt sich im „Grünen Baum“ ein paar Halbe.

Beim Trinken sinniert er vor sich hin. Er geniert sich schon etwas, nun ohne jede Ausbeute, seinen Rauf als Schwammerlkönig in Frage stellend, heimzukommen. Da erinnert er sich, dass er gestern in Tölz beim Gruftner Toni, der einen Gemüseladen betreibt, Reher gesehen hat. Meist beliefert er den Gruftner, wenn seine Ausbeute an Pilzen besonders ergiebig war.

Wirklich und wahrhaftig, als er beim Gruftner hineinschaute, findet er noch eine halbe Steige voll Reherl vor.

„Ah, Röcklmooser, bringst Schammerl? Hoffentli san diesmoi a a paar guate Stoaschwammerl dabei?“

„Nix do, Toni i mecht Reherl kaafa.“

“wos, seit wann nacha kaafst du itza bei mia d´Schwammerl?“

„Wie i bei dera Bluatshitzn, wo seit Wocha koa Trepferl Regn ned gfoin is, a koane mehr find. Bsuach hob i kriagt, und de stenga aaf a Schwammerlsuppn.“

„So, nacha kaafst hoit amoi a Pfünderl.““Zwoa“.

„Übaleg da´s, Maxl, de san ned billig. As Pfund kost zehn Markl.“

„Wia des? Wann i dia Schwammerl bring, nach kriag i fünf Markl, un itza muas i as doppelte zoi? Bist scho a Hoisabschneida!“

„Du woast scho, dass es scho fast koane mehr gibt. Do steign de Preise. Reherl, de vo weit herkemma, san a Rarität und teier. Zoi i jo scho acht Markl füa as Pfund – de Steiern und Abgabn vo am Gschäftsmo, de san ned weng.“

„Jamma ned so vui, Kramer, un pack ma zwoa Pfund ei  - as Pfund für acht Markl und ned mehra.“

„Guad, weil as du bist, Röcklmooser. Aber a Gschäft is des fei ned, wann i an de Abgabn denk. Wann´s no an Tag liegn, de Reherl, bei der Hitzn, nacha kaffts kao Mensch mehr. Nacha ko i´s wegscheißn. Do woaßt glei, wo de windigen Markl, de i an oam Pfund verdean, hikemma san.“

„Geh, red ned, Krama, wiags ab, kimm, i wui hoam.“

Der Gruftner tut, wie von seinem nicht unbedeutenden Schwammerllieferanten, der ihn sonst immer mit waldfrischer Ware beliefert, gewünscht. Der Röcklmooser zieht seinen Geldbeutel heraus und zahlt. Dann fährt er zurück nach Lenggries.

Bei einigen alleinstehende Fichten neben der Straße hält er an, schüttet die Reherl in seinen Korb und gibt eine gute Handvoll Fichtennadeln und Spuren von Moos dazu.

Daheim wird er von Lob überschüttet.

Der Schwager: „Toll, Maxe, wie du des machst. Sogar in der Zeitung steht, dass heuer ein schlechtes Pilzjahr ist. Ein echter Schwammerlkönig bist du.“

„Des war nacha dann do as ersche Moi, dass mei Maxl mit´m laarm Körbl hoamkemma dat,“ gibt die Röcklmooserin voll Stolz kund.

„Bloß“, wundert sie sich, „a so vui Dreeg host no koan hoam bracht.“

„Jo, hätt i´s am End a no waschn soin?“ geht der Maxl gespielt auf.

„Is scho recht Maxl. Dafür host as so schee obgschiedn, wos d´sonst no nia ned doa host“, besänftigt ihn die Röcklmooserin. „ ´s wor Arabt grad gnua, des Hibuckln und oanzln abschneidn.“

Als das Schwammerlgericht auf den Tisch kommt und man die ersten Löffel gekostet hat, schwärmt der gelehrte Schwager: „Was für ein Duft von Wald und feuchtem Moos. Rosi hat vorige Woche ein halbes Pfund erstanden, aber das war gedämpftes Stroh gegen diese hier. Hab ich recht, Rosi?“

„Übertreib nicht Arthur. Freilich, die da, das merkt man, die sind ganz frisch aus dem Wald.“

Der Röcklmooser kaute verkniffen an dem sündhaft teuren Gericht und denkt: „Ihr Deppn, ihr zwoamoi vanogeltn.“

Am liebsten hätte er ihnen die Wahrheit gesagt, aber dann dachte er an seinen guten Ruf als Schwammerlsucher und unterließ es. Die „Stodara“ mussten ja nicht alles wissen, schließlich hatten die sowieso gar keine Ahnung, welche Mühe das Schwammerlsuchen auch dann machte, wenn es welche gab. Sie waren eh nur das kaufen gewöhnt …

Quelle: Auszug aus dem Buch, "G´schichtn aus dem Isarwinkel" - Von der Alm, Jagd und vom Schwammerlglück von Georg Umrath.